• Nicola Christ-Widmann

    Impulse, die wirken

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Fräulein Schwyz, die Schweiz und die Sache mit dem Kaffeehaus

Neues vom Fräulein Schwy:
Während die ersten Monate in der Schweiz beinahe ausschließlich auf die Krisen- und Kistenbewältigung im neuen Zuhause fokussiert waren, verspürte ich in letzter Zeit immer mehr die Sehnsucht nach einem Kaffeehausbesuch in meinem heißgeliebten Cafe Clementine in Baden. Komme ich dort hinein, kennen sie mich und meinen Hund beim Namen, wissen schon genau, welchen Kaffee und welches Frühstück ich will. Und natürlich bekommt Frau Hund auch ihr Leckerli.

Es ist diese Wohlfühlatmosphäre, die ich vermisse. Also wird der Drang in mir laut, auch in der Schweiz auf Kaffeehaussuche zu gehen. ‚Kann ja nicht so schwer sein’ dachte ich, aber da habe ich die Rechnung ohne mein Unterbewusstes gemacht.

Neo-Schweizerin, blond, Mitte vierzig sucht Kaffeehaus für gemeinsame Stunden 

Also, ab ins Auto und die Gegend unsicher gemacht – die Kühe haben mittlerweile ihren Almabtrieb gehabt und ich muss keine möglichen Stauzeiten mehr einberechnen.

Die Stadt gleich ums Eck ist ein weit bekannter Pilgerort mit einem wunderschönen Kloster. Gleich davor befindet sich ein großer Platz mit mehreren Kaffeehäusern im Angebot. Perfekt. Ich parke und wandere gemütlich die Gegend ab, um ein Gefühl für meine neue Umgebung zu bekommen. Die Menschen hier sind unwahrscheinlich freundlich. Gar nicht, wie man das als Wienerin kennt, wenn dich der Autofahrer neben dir mit seinem Blick angrantelt. Ein schöner Ort. Und da ist auch schon das erste Cafe, das von mir inspiziert werden will. Eines nach dem anderen erkunde ich und gehe jedesmal wieder enttäuscht hinaus. Nicht, dass der Kaffee nicht schmeckt, im Gegenteil. Die Vitrinen sind auch voll bestückt mit Leckereien. Und das Flair würde auch passen, sogar mit Blick auf das wunderschöne Kloster... und doch bin ich irgendwie enttäuscht. Wieso?

Kein Clementine oder Dommayer weit und breit

Ich spaziere also die Wiese am Kloster entlang und versuche zu erkunden, was mich so unlogisch bedrückt. Kaffeehäuser en masse, nette Menschen, guter Kaffee, feine Mehlspeisen. Was also ist denn jetzt schon wieder los? Und da steigt es auch schon auf, das Gefühl, die Erinnerung. Es ist mehr als das Kaffeehaus, das mir fehlt.

Als das Fräulein Schwyz noch sehr klein war - also jung, denn klein ist sie ja immer noch ;-) – und von der Schweiz noch 4 Jahrzehnte keine Rede war, war das Kaffeehaus schon zentraler Teil des Lebens. Immer wenn mich mein Vater in den Kindergarten gebracht hat, machten wir einen kurzen Stop im Kaffeehaus auf dem Weg, er trank einen Kaffee, ich bekam ein Kipferl. Gut, wir kamen immer zu spät in den Kindergarten, was dort – und von meiner Mutter – eher ungern gesehen wurde. Aber für mich war es herrlich. Das Service-Personal liebte mich und ich liebte sie - und die Atmosphäre dort. Später als ich gemeinsam mit meinem Vater viele berufliche Projekte konzipierte und umsetzte, fand der Großteil der kreativen und organisatorischen Meetings im Kaffeehaus statt. Das Kaffeehaus wuchs also zu meinem zweiten Zuhause.

Wenn das Alte schon passé und das Neue noch nicht da is

Und so war es durch mein Leben hindurch. In jeder Lebensphase hatte ich ein ganz spezielles Kaffeehaus, das zu meinem zweiten vertrauten Zuhause wurde. Und immer war das ‚alte’ Kaffeehaus in greifbarer Nähe, bis ich ein neues gefunden hatte. Und jedes war mir Rückzugsort durch schwere Phasen, wenn mir zuhause die Decke auf den Kopf gefallen ist. Dort konnte ich immer hin gehen und wurde liebevoll bedient. Jetzt hatte ich beides nicht mehr in greifbarer Nähe, nicht meine Heimat und nicht mein Kaffeehaus. Und ich begreife, es geht nicht ums Kaffeehaus, ich habe Heimweh.

Aber Heimweh nicht nur nach meiner Heimat und meinem Kaffeehaus (das ich übrigens sehr empfehlen kann). Meine Kaffeehaussuche macht mir deutlich, wie sehr mir meine alten Rituale fehlen, meine Verbundenheit mit lieben Menschen, meiner Familie. Es ist wie ein Trauerprozess, in dem ich das Alte gehen lassen muss und das Neue noch nicht fest verankert ist und den leer gewordenen Platz noch nicht neu ausfüllt. Und aus meinem Job weiß ich: Das kann kein Kaffeehaus der Welt ausgleichen. Es hilft auch nicht, wenn ich dasselbe Ritual, das ich in Baden und Wien hatte, hier versuche nachzustellen. Es wäre nicht dasselbe.

 

«Alle Veränderungen, sogar die meistersehnten, haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes eintreten können..»

Anatole France, frz. Dichter

 

Die unbewusste Macht von Ritualen in unserem Allta

Rituale haben herausragende Bedeutung für uns Menschen. Wir zelebrieren gewisse Verhaltensweisen auf besondere Art und Weise und sie sind uns wertvolle Stützen. Sie helfen uns den notwendigen Abstand zum Alltag zu bekommen und wieder neue Kraft zu tanken. Sie sind kleine Oasen in unserer täglichen Routine. Sie schenken Sicherheit und Halt, lindern Schmerzen und sind seelische Medizin.

Fällt ein essenzielles Ritual mit seiner Umgebung und den dazugehörigen Menschen weg, geht mehr verloren als ‚nur ein Kaffeehaus’, das sich ‚leicht durch ein anderes ersetzen lässt’. Und dann heißt es bewusst Abschied nehmen von einem lieb gewonnenen Ritual mit dem dazugehörigen Lebensabschnitt und auf in ein neues Kapitel mit neuen Ritualen, die erst noch wachsen dürfen. Und in der Zwischenzeit freue ich mich bewusst an den kleinen neu gewonnenen Ritualen in der Schweiz - wie das Käsefondue in unserem Lieblingslokal oder das Brunchen in Babu's Coffeeshop - und plane schon jetzt mein geliebtes Frühstück im Clementine, wenn ich das nächste Mal in Baden bin :-)

Das Fräulein Schwyz ist ein Versuch, ein Statement für mehr Offenheit und ehrliche Auseinandersetzung mit unangenehmen Lebensthemen und sinnvollen Bewältigungsstrategien zu setzen. Sie will Mut machen und aufzeigen, dass Konflikte und Krisen das ganz normale Leben sind und kein Zeichen von Versagen. Sie will Tabus ansprechen und entmystifizieren, damit wir uns mit unseren Problemen, Sorgen und Ängsten nicht länger alleine fühlen.

 



 

 

 


 

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