• Nicola Christ-Widmann

    Impulse, die wirken

    Erkennen, was läuft.
    Verstehen, wie Menschen ticken.
    Verändern, was wirkt.

    Unabhängig davon, ob Sie Antworten, Lösungen oder neue Perspektiven suchen: Ich helfe Ihnen gerne dabei, die Wege zu finden, die Sie auch wirklich an Ihr Ziel bringen.

Fräulein Schwyz: Der Small Talk und der Status 'kinderlos'

Neues vom Fräulein Schwyz:
Ihr kennt das: Small Talk auf neuem Business Parkett oder unbekanntem privaten Terrain: ‘Und, wie ist Ihr Name? Und, was machen Sie so beruflich? Und, haben Sie auch Kinder?’

Die drei Frage-Klassiker, wenn es darum geht, das Eis zu brechen und erste Kontakte herzustellen. Diese Form des Einstiegs sind wir gewohnt und sie wirkt auf den ersten Blick total harmlos und unverfänglich. Und doch kann es GesprächspartnerInnen von einer Sekunde auf die andere in der tiefsten Wunde treffen, die sie gut verborgen in ihrem Herzen tragen. Was ich damit meine und was es mit dem Fräulein Schwyz zu tun hat?

Das Fräulein Schwyz zwischen den Welten der Expertin und der Betroffenen

Erst kürzlich hatte ich eine Online Coaching Anfrage einer Klientin, die eine Fehlgeburt hinter sich hat und aufgrund dessen keine Kinder mehr bekommen kann. Ihr Anliegen: ‘Wie kann ich meinem Leben einen neuen Sinn geben und auch ohne eigene Kinder ein glückliches Leben führen? Und wie bekomme ich dieses grausame Gefühl der Leere weg, wenn mich jemand fragt, ob ich auch Kinder hätte? Und vor allem: Wie kann ich weiter mit meinen Freundinnen gut befreundet bleiben, deren Gesprächsthemen sich um Windeln und Bäuerchen drehen?’

Wann immer eine solche Anfrage in meine Praxis flattert – und das passiert öfters, da diese Themen ja auch zu meinen Schwerpunkten gehören -, bin ich von zwei massiven Gefühlen erfüllt: erstens meiner Hochachtung vor der tiefen Ehrlichkeit, mit der diese Klientinnen ihrer Verzweiflung und inneren Leere begegnen und zweitens meiner eigenen Gefühlswelt, da ich diese Fragen und Situationen selbst sehr gut kenne und es auch mir bei der belanglosen Frage nach meinem Nachwuchs nach wie vor den Magen zusammenzieht.

Familienstatus 'kinderlos': Die Karrierista ist selbst schuld 

Was mich hier besonders aufregt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Gesellschaft kinderlose Frauen in die Schublade ‘Karrierista’ steckt; frei nach der Prämisse: wer kinderlos bleibt, hat sich freiwillig dazu entschieden. Oder der vermeintlich logische Schluss: Erst wartet sie zu lange, weil ihr die Karriere zu wichtig ist, und dann wundert sie sich, wenn der Körper über 40 nicht mehr so mitspielt. Selbst schuld also.

Und ja! Natürlich gibt es sie, die Frauen, die sich ganz bewusst für ein kinderloses Leben entscheiden und damit glücklich sind. Und das ist gut so.

Und ja es gibt auch die, die ihrer Karriere und ihrer beruflichen Selbstverwirklichung den Vorrang geben und ihren Kinderwunsch aufschieben – und dann vielleicht zu spät dran sind.

Aber es gibt eben auch die, die sich nicht freiwillig für ein kinderloses Leben entschieden haben und ihren Kinderwunsch auch nie auf später aufschieben wollten, sondern sich vielmehr schon eine junge Mutterschaft gewünscht hätten. Und dazu zähle auch ich.

Und diese Frauen leiden unter der vorschnellen gedankenlosen Beurteilung, verantwortungslose Egoistinnen zu sein. Es tut einfach weh. Und für diese Frauen möchte ich heute mit diesem Beitrag eine Lanze brechen und bestehende Vorurteile aufklären.

 

«Manche Wunder brauchen Zeit.»

Montaigne


Welche traurigen Geheimnisse auch hinter Kinderlosigkeit stecken können

Kinderlosigkeit hat nämlich auch andere Gründe: Sie kann biologisch bedingt sein, durch Unfälle oder auch Fehlgeburten entstehen, oder eben auch durch die Partner verhindert worden sein, bis es einfach Fünf vor oder vielleicht sogar schon Fünf nach Zwölf ist. Und wer jetzt so salopp dahin denkt: ‘Dann hätten sich die Frauen einfach früher trennen müssen’, sollte auch bedenken, dass er/sie damit die nächste Schublade öffnet, die schmerzt.

Und weil all diese vorschnell getroffenen Urteile die Frauen tief im Herzen treffen, die sich schon lange ernsthaft Kinder wünschen und ihre Beziehungen immer ernst genommen haben, schweigen sie. Sie möchten sich für ihre Lebenssituation und ihr Schicksal nicht erklären oder rechtfertigen müssen. Also verstecken sie ihre Wunden.

Und so entstehen diese Tabus, die schwer auf der Seele lasten und Frauen dazu veranlassen, sich zurückzuziehen. Sie meiden Treffen mit befreundeten Pärchen und deren Kindern. Zu groß ist die Sehnsucht und der Schmerz, wenn sie das Kinder- und Elternglück anderer beobachten. Das ändert sich auch nicht, wenn die Kinder älter oder vielleicht schon erwachsen sind, und in heiterer Gesprächsrunde stolz Fotos von den Töchtern und Söhnen herumgezeigt werden. Sie fragen sich ‘Warum ist es mir nicht vergönnt’ und fühlen sich im selben Atemzug schuldig, weil sie nicht neidisch sein möchten, sondern es ihren Freundinnen gönnen. Dass das nichts mit Neid zu tun hat, ist ihnen oft nicht klar.

Späßchen und Rückzug als ungesunde Selbstschutz-Mechanismen

Sie beginnen Treffen mit Freundinnen zu meiden, die immer öfter über die Last des Elternseins und den Stress mit den Kindern klagen und ihre kinderlosen Freundinnen um ihre Selbstbestimmung und ihre Freiheiten beneiden. Das sitzt umso mehr, denn wie gern würden wir diese vermeintlich tollen Freiheiten eintauschen, um selbst Mutter sein zu können.

Aus dem Familien- und Freundeskreis kommen oft Aussagen wie ‘Na, und? Magst du nicht auch bald dazu schauen? Die Uhr tickt ja schon lauter, oder?’ oder ‘Hast eh recht, wenn du dir das nicht antust.’ Verbreitet sind auch klar formulierte Erwartungen wie ‘Jetzt wird’s aber langsam Zeit für ein Enkerl für die Oma’ oder ‘Ich wäre jetzt bald gern mal Tante, gell?’

Jede dieser Aussagen sitzt. Und was machen wir anstatt zu sagen, dass wir bei solchen Aussagen am liebsten losheulen würden? Wir bewahren Contenance, lassen uns nichts anmerken und machen vielleicht sogar noch Späßchen darüber. Aber eines möchte ich hier in aller Klarheit sagen, weil wir es in der konrekten Situation meist nicht schaffen: ES IST NICHT LUSTIG!

Der versenkte Treffer und die Ohnmacht danach

Erst neulich fand ich mich selbst in einem angeregten Tischgespräch in netter privater Runde, als ich plötzlich aus heiterem Himmel die Aussage hörte, dass Spätgebärende unverantwortlich gegenüber den Kindern handeln, weil sie einfach schon viel zu alt sind, um Kinder natürlich durch ihr Leben zu begleiten. Sie hätten besser früher dazu geschaut.

Ich kann euch sagen, das hat gesessen. So sehr, dass ich sprachlos war – und wer mich kennt, weiss, wie selten das vorkommt. Im Gegenteil, ich bin sogar vom Tisch aufgestanden, um Frischluft zu schnappen und Abstand zu gewinnen, um zu reflektieren, was da gelaufen ist und wie ich reagieren möchte. Und da wurde mir bewusst: In so einer Situation konnte und kann ich gar nicht reagieren. Mit allem, was ich in über 20 Jahren in meinen Job an Fachwissen und emotionaler Souveränität gesammelt habe, bin ich in solchen Moment sprachlos und tief getroffen. Jedes Wort wird unmöglich, weil der Schmerz so unbeschreiblich ist. Die pure Ohnmacht. Der pure Horror. Und was bleibt, ist der Wunsch nur noch davonzulaufen, sich die Seele aus dem Leib zu heulen oder zu schreien. Aber stattdessen bleibt man stumm, macht eine möglichst gute Miene zum Spiel und versucht, irgendwie sein Gesicht zu wahren.

Die stillen Kämpferinnen um ihr Lebensglück

Warum ich euch das so offen und ehrlich erzähle?

Weil ich weiss, dass betroffene Frauen in den meisten Fällen nicht darüber sprechen und in solchen Situationen auch nicht Stellung beziehen. Zu groß ist die Gefahr, sich vor der versammelten Gruppe zu outen und in die Rechtfertigungsfalle zu tappen. Weil ich den Kampf kenne, den viele dieser Frauen zu kämpfen haben.

• Ich kenne diese Sehnsucht, diese Hoffnung, dass auch ein Körper über 40 uns noch ein Kind schenken mag. 
• Ich kenne die Hoffnung vieler, dass die Ärzte und Testergebnisse sich vielleicht doch irren, und noch eine klitzekleine Chance bleibt. 
• Ich kenne diese Verzweiflung, die Wut, das Hadern mit dem Leben, die Ohnmacht, weil wir auf diesen Teil unseres Lebens keinen Einfluss haben. 
• Ich kenne das Gefühl, sich durch und durch als Mutter zu fühlen, mit der Angst, nie eine echte sein zu können und die innere Leere, die dadurch entsteht. 
• Ich kenne den leisen Wunsch, für den Status ‘kinderlos’ nicht mehr bewertet zu werden und
• keine mitleidigen oder tröstenden oder beschämenden Situationen mehr erleben zu müssen.

Ich kenne diesen Gefühls-Tsunami zum einen aus meiner Beratungserfahrung und zum anderen aus meinem eigenen Leben und ich weiß, dass es auch jenseits der Mutterschaft Möglichkeiten eines erfüllten Lebens und für das persönliche Glück gibt. Aber ich weiß auch, dass es für Vollblut-Mütter immer ein Trostpreis bleiben wird, der den ersten Preis nie ersetzen kann. Und daher ziehe ich meinen Hut vor jeder Frau, die sich in dieser Situation ihr Lebensglück ehrlich mit sich und ihrem Schicksal zurück erkämpft.

 

Das Fräulein Schwyz ist ein Versuch, ein Statement für mehr Offenheit und ehrliche Auseinandersetzung mit unangenehmen Lebensthemen und sinnvollen Bewältigungsstrategien zu setzen. Sie will Mut machen und aufzeigen, dass Konflikte und Krisen das ganz normale Leben sind und kein Zeichen von Versagen. Sie will Tabus ansprechen und entmystifizieren, damit wir uns mit unseren Problemen, Sorgen und Ängsten nicht länger alleine fühlen.

 


 

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