Der Hype ums Burnout... was bleibt danach?

Offen gesprochen: Was ich in meiner beruflichen und privaten Laufbahn schon alles an lustigen bis hin zu erschütternden Meinungen und Überzeugungen über Burnout gehört habe, könnte ein Buch füllen. Zeit, um einmal Klartext zu reden. Man könnte meinen dieser Hype um eine ‚neu entdeckte’ Erkrankung flaut bald wieder ab. Wird sie das?

Burnout als Trenderscheinung der Vielarbeitenden?

Was ich auf Basis meiner Ausbildungen, meiner langjährigen Erfahrung und dem regelmäßigen Austausch mit Kollegen und Experten sagen kann:
Burnout ist KEINE Modeerscheinung und KEINE Erfindung tachinierender MitarbeiterInnen.
Burnout entsteht NICHT durch 50-Stunden-Wochen oder mehr. Es hat nicht mit der Stundenanzahl zu tun, die wir wöchentlich leisten.

Burnout ist ein massiver psychischer und körperlicher Erschöpfungszustand aufgrund zu lange andauernder psychischer und emotionaler Belastung, der ernsthafte Gefahren für Körper und Mensch zur Folge haben kann. Es entsteht NICHT ausschließlich im beruflichen Kontext. Auch familiäre oder private Überforderung, die zu lange andauert und einem psychisch wie physisch alles abverlangt, kann in einem Burnout münden.

Es ist KEIN Hype, der in ein paar Jahren vorüber ist. Es ist real und ernst zu nehmen.

Das Burnout und die Welter der Macher und Blender

Wir Menschen sehnen uns nach Erfolg und Bedeutung, Anerkennung und Zugehörigkeit. Wir wollen für unsere Welt (Arbeit, Familie, Freunde), in der wir leben, wertvoll und etwas Besonderes sein. Das ist ein ganz normales Bedürfnis.

Die Krux daran ist, dass wir derzeit in einer Macher- und Blender-Welt leben, die nur wenig echte Anteilnahme oder Wertschätzung für den Einzelnen zu verteilen hat. Hier zählen Leistung und harte Fakten, Werte, die „in“ sind. Um hier angesehen zu bleiben, beginnen wir, in einer Blase zu leben. Wir tun im Außen, wie es gut ankommt, damit wir gut ankommen. Unser Innenleben, unsere eigentlichen Bedürfnisse und Lebensziele halten wir geheim.

Es ist wie ein Doppelleben, das wir führen. Das kostet Kraft und zerreißt innerlich. Der Beginn der Burnout-Spirale. Man zerbricht nicht am Zuviel Tun, sondern an den zu hoch gesteckten Ansprüchen und ‚falschen’ Werten, die uns die Anerkennung und Bestätigung unserer Umwelt garantieren sollen. Wir zerbrechen an dem Druck, unsere Zugehörigkeit nicht zu verlieren.

 

«Burnout ist eine Erholungsphase, die Körper und Psyche einfordern.»

Reinhard Haller, Neurologe und Psychiater

 

Von der Notwendigkeit des Umdenkens und Neu-Bewertens

„Burnout ist nicht krankhaft, sondern ganz normal. Wir müssen die Einstellung dazu ändern“ so der bekannte und geschätzte Neurologe und Psychiater Reinhard Haller in einem seiner Vorträge. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Wir müssen unsere Einstellung zu uns und unseren Bedürfnissen und Werten ändern.

Burnout ist eine Folge von ungesunden Denk- und Verhaltensmustern, die zu einer inneren Erschöpfung führen. Der Körper kann – und will vor allem – nicht mehr weiter diesen Irrweg gehen, den ‚Marathon-Sprint’ um Anerkennung und Bestätigung. Er zwingt uns in eine Pause, eine Auszeit, eine Rückbesinnung, was in unserem Leben wirklich zählen soll und wie wir es so gestalten, dass es uns wirklich erfüllt und glücklich macht. So gesehen ist Burnout eine Chance auszusteigen und zu sich zu finden.  

Burnout immer noch ein Tabu? Der Schein der aufgeklärten Gesellschaft

Burnout ist mittlerweile in aller Munde. Jeder kann etwas dazu sagen. Es ist also bei weitem kein Tabu mehr. Möchte man meinen. Aber: auch wenn alle darüber reden, selbst darf man kein Burnout bekommen. Oder hätten Sie damit kein Problem, sich zu outen?

Also werden erste Anzeichen schöngeredet, die nächsten verleugnet. Zu groß sind Scham und Angst vor der Bewertung durch die anderen. Man will es auch vor sich selbst nicht eingestehen. Das Gefühl versagt zu haben, wäre unerträglich.

Also lenken wir uns mit den angelernten Fluchtstrategien ab, die in der Gesellschaft geduldet sind und oft sogar ein verzerrtes Gefühl der Bestätigung schenken: Wir trinken zu viel (sind gesellig), flüchten uns in noch mehr Arbeit (sind so fleißig), haben Schlafstörungen (brauchen weniger Schlaf), betreiben exzessiv Sport (sind so gesundheitsorientiert) oder eine andere Form der extremen Selbstdisziplinierung (haben alles im Griff), um nur einige zu nennen.

Bis der Körper durch den Druck, den er im Innen trägt, zusammenbricht. Oft sind es auch äußere Umstände, die den Druck massiv beruflich oder privat (oder beides) erhöhen, wie z.B.:

  • Extreme andauernde Arbeitsüberlastung
  • das Fehlen von Entscheidungs- und Kontrollmöglichkeiten im Job
  • fehlende Wertschätzung und geringes Gehalt
  • schlechtes Berufsimage
  • mangelndes Gemeinschaftsgefühl und Teamverhalten
  • das Fehlen von Fairness, Respekt oder Gerechtigkeit

Burnout: Gekommen, um zu bleiben

Burnout ist zu einem Spitzenreiter der Volkskrankheiten gewachsen. Was die einen als Hype und Modetrend abstempeln, ist für andere eine logische Schlussfolgerung der Denk-, Arbeits- und Lebensweise einer Gesellschaft, die ihren Tribut fordert und für die Wirtschaft massive Mehrkosten bedeutet. Die Wertewelt unserer Wirtschaft hat die Erkrankung an psychischen Symptomen in den letzten 20 Jahren um 300 Prozent ansteigen lassen und kostet sie jährlich rund 7 Milliarden Euro.

Es ist ein Leichtes, die Schuld auf die ‚unbelastbaren’ TachiniererInnen der Generationen X, Y und Z zu schieben. Das ist ein gängiger Ton in Industrie und Wirtschaft, aber – sorry – eine leicht durchschaubare Kindergarten-Taktik: ‚Schieben wir es ’mal auf den Schwächsten in der Gruppe und schauen wir, ob es durchgeht.’ Es wäre zunehmend schwieriger aber auch verantwortungsvoller, sich an der eigenen sprichwörtlichen Nase zu nehmen und ein Umdenken und einen Wertewandel herbeizuführen.

Finden Sie in der Infothek u.a. eine Checklist, wie Sie Burnout erkennen und was Sie tun können.

 


 

 

 

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