Happy Pills und der gesellschaftliche Zwang, glücklich sein zu müssen

Offen gesprochen:
Es ist ein herrliches Gefühl: gut drauf sein, wie auf Wolken schweben, sich stark und frei zu fühlen, ein Dauerlächeln auf dem Gesicht zu haben… glücklich zu sein.

Und wir sehnen uns danach; morgens beim Aufwachen… untertags bei unseren alltäglichen Pflichten… abends mit Freunden oder Familie… nachts vor dem Einschlafen.

Wie schön ist das Leben, wenn man glücklich ist. Doch wir sind es nicht. Etwas läuft nicht, wie wir es uns wünschen. Wir haben Probleme im Job oder in der Beziehung. Wir erleben einen herben Rückschlag, der unsere tief sitzenden Zweifel wieder hoch kochen lässt. Wir müssen uns von geliebten Menschen trennen und mit gesundheitlichen Problemen herumschlagen. Die Sorgenberge werden immer größer, der Schlaf immer unruhiger, der Magen und der Rücken rebellieren. Wie soll man da bitte glücklich sein?

Glück zum Schlucken: Rezeptfrei, Psychopharmaka, Partydrogen

Viele hören auch auf den einen oder anderen Tipp von KollegInnen oder FreundInnen, die scheinbar „immer gut drauf“ sind und versuchen ihr Glück mit Partydrogen.

Andere führen ihre Beschwerden zum Hausarzt. Und Ärzte möchten ihren PatientInnen helfen. Sie mögen es nicht, kein Rezept zur Heilung oder zumindest Linderung der Beschwerden parat zu haben. Also verschreiben sie Schlafmittel oder andere Beruhigungsmittel – ohne weitere Maßnahmen.

Mittlerweile – so die Hochrechnungen der Schweizer Fachstelle für Alkohol und Drogenprobleme SFA – nimmt jede/r Fünfte mindestens einmal pro Woche Psychopharmaka oder ähnliche Stoffe mit Abhängigkeitspotenzial. In Österreich und Deutschland sind die Zahlen sicherlich kaum anders.

Und meine Praxiserfahrungen zeigen ebenfalls, wie selbstverständlich der Griff zu Medikamenten ist. Wenn ich kurz provokant werden und in die Stereotypen-Schublade greifen darf: Da werden Menschen von Ärzten ihres Vertrauens mit Medikamenten zugedröhnt – ohne Anleitung, wie sie die Ursachen ihrer Symptome in den Griff bekommen können. Ein solches Verhalten macht Menschen von ihren Medikamenten abhängig, aber keineswegs glücklich. Und ja, selbstverständlich – und gottseidank – gibt es auch Ärzte, die sich dieser Tatsache bewusst sind, und ihren PatientInnen zur Medikation auch eine psychologische oder psychotherapeutische Beratung nahelegen. Alles andere wäre auch völlig irrational.

Die gesellschaftliche Glücks-Keule und wie sie zurückschlägt

Power, Dynamik und Glück: das sind die Erfolgsfaktoren. Je mehr wir für die Welt da draußen strahlen, umso mehr können wir sie beeindrucken. Wir müssen gut drauf sein, um den gesellschaftlichen Standards zu genügen und in der Gruppe akzeptiert zu werden. Das erzeugt einen massiven Druck, dazuzugehören und dafür tun wir eine Menge. Wir sammeln Likes, kaufen Markenkleidung, strahlen auf Fotos um die Wette. Auf die ehrliche Suche nach Glück zu gehen, gehört allerdings selten dazu.

Das Paradoxe daran ist, dass es nur den wenigsten in dieser Gesellschaft wirklich ‚gut‘ geht – und Sie erinnern sich – rund jede/r Fünfte hält sein subjektives Glück chemisch am Laufen. Zählen Sie in Ihrem Umfeld doch ‚mal statistisch durch – nur so zum Spaß. Wie viele in Ihrem Kollegen- oder Freundeskreis müssten denn zu dieser Statistik zählen?

Laut Länder-Ranking 2018 leben im Norden (Finnland, Dänemark, Norwegen) sowie in der Schweiz (Platz 5) die glücklichsten Menschen. (Österreich ist an Platz 12). Trotzdem liegt die Depressions-, Scheidungs- und Suizidrate enorm hoch. Der Fachbegriff dafür lautet ‚Suicide paradox‘. Denn in diesen Ländern ist das ‚scheinbare‘ Glück und der Anspruch an den Einzelnen auch glücklich sein zu müssen, so hoch, dass diejenigen, die das Gefühl haben, den gesellschaftlichen Glücksstandards nicht entsprechen können, sich durch Suizid von dem unerfüllbaren Druck zu befreien. Und es ist wirklich paradox: Wenn die Betroffenen wüssten, dass vieles von dem Glück gar nicht so echt ist, wäre eine solche Suizidrate vielleicht gar nicht nötig.

Emotionaler Hunger, die Smiley-Gesellschaft und chemisches Glück

Unsere Frustration und Sehnsucht nach Glück kann – so sehr wir es uns auch wünschen – nicht langfristig mit Happy Pills gestillt werden, wenn wir nicht unserem emotionalen Hunger dahinter auf die Spur kommen und das füttern, was wir wirklich brauchen. Psychopharmaka sind (abgesehen von psychischen Erkrankungen) wichtige und wertvolle Hilfsmittel in der akuten Krise, müssen aber lediglich Krücken bleiben und dürfen nicht zur langfristigen Lösung mutieren. 

Dafür bräuchte es aber Mut und die Bereitschaft, sich ernsthaft mit sich selbst und seiner Lebenssituation auseinanderzusetzen. Und ja, für diese Lebensphase auch einmal unglücklich zu sein. Das ist in unserer Gesellschaft aber weniger gern gesehen und wird schon gar nicht als ‚Erfolg‘ bewertet. Wir bekommen keine Orden für eine ehrliche Begegnung mit sich selbst.

Also nehmen wir chemische Mitteln, um mitzuhalten und besser drauf zu sein, oft mit dem Ergebnis, dass nach dem ersten Hype des Wohlgefühls und der Erleichterung sich wieder dieses verhasste Gefühl der Frustration und des Unglücklichseins einstellt und wir uns mehr als Versager fühlen denn je. Und – Sie ahnen es schon – los geht die Hochschaubahn mit massiver Abwärts-Gefälle. Wir brauchen noch mehr Glücksgefühle, eine höhere Dosis chemischer Substanzen, fallen in tiefere Depressionen, bis hin zur Hoffnungs- und Sinnlosigkeit. Eben weil emotionaler Hunger nicht chemisch stillbar ist. Eben weil wir in Wahrheit auf der Suche nach echter Erfüllung und nicht dem kurzen scheinbaren Glück sind. 

 

«Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind.»
Charles-Louis de Montesquieu, frz. Schriftsteller und politischer Philosoph

 

Der Marschplan für die Reise ins Glück

Ehrliches Glück ist machbar, mit den richtigen Vorzeichen und einem gesunden Marschplan im Gepäck. Und dazu gehören u.a. folgende Punkte:

  • Im Leben auch einmal traurig oder unglücklich sein, ist völlig NORMAL.
  • Medikamente sind wertvolle Hilfsmittel, aber NIE die Lösung.
  • Die meisten Menschen sind NICHT so glücklich und perfekt, wie es scheint.
  • Wer seinen emotionalen Hunger kennt, kann ihn auch stillen.
  • Die Suche nach der eigenen Wahrheit, kann auch schon einmal ein bisschen dauern. Es ist KEIN Wettrennen.
  • Es ist gesund, sich Zeit zu nehmen und die gesellschaftlich gelebten Werte ernsthaft zu hinterfragen.
  • Glück und Erfüllung kann nur finden, wer sein Leben nach seinen eigenen inneren Werten ausrichtet.

 


 

 

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