Die Sache mit der Wut

Offen gesprochen: Wut ist ein Tabuthema. Aggression auch. Das macht mich wütend. Warum? Weil wir eine völlig normale natürliche Reaktion unseres Körpersystems nicht als das nehmen und nützen können, was sie ist: 

Eine Kraft, die uns mobilisiert, uns für unsere Ziele, Visionen, Bedürfnisse und Weltvorstellungen einzusetzen. Sie ist ein Impuls, Angriffe auf das Selbstwertgefühl zu verteidigen und zeigt den Grad unserer Ernsthaftigkeit in der Sache. Sie drückt aber auch die Überzeugung aus, dass Veränderung möglich ist aber (noch) nicht realisiert wurde. Sie dient der Selbsterhaltung und Selbstentfaltung. Und sie fordert zum Innehalten und Klären von Konflikten auf.

Kein Freibrief für den Rundumschlag

Das ist natürlich kein Freibrief, seiner Aggression munter freien Lauf zu lassen und alles kurz und klein zu schlagen oder bomben, was sich uns in den Weg stellt. Das wäre zu einfach. Aber es kann auch nicht sein, dass wir unsere inneren Anzeichen von Wut bagatellisieren, verzerren, projezieren, rationalisieren, nur damit wir in der Gesellschaft nicht als tobende Schwächlinge abgestempelt und belächelt werden.

Im Fachbegriff nennt man das übrigens "aggressionsgehemmt". Der Impuls, uns bei einem Angriff auf unsere Person, Identität oder Integrität zu verteidigen, wird unterdrückt, um die befürchtete Sanktion zu vermeiden. Auf deutsch: Wir haben verlernt, mit Konflikten und unserem Warnsignal Wut konstruktiv umzugehen. Und zwar schon als Kinder. Oder durftet ihr wütend sein und eure Wut konstruktiv ausleben? Oder habt ihr gelernt, für eure Wutausbrüche in der Trotz- oder Teenagerphase geschimpft, bestraft oder - noch schlimmer - belächelt oder - am schlimmsten - ignoriert zu werden? Welche Strategie habt Ihr aus diesen Erfahrungen für Euer Erwachsenenleben gewählt? Die wenigsten hatten das Glück, ein Vorbild zu haben, das Wut konstruktiv ausgelebt hat, das seine Gefühle und Konflikte aktiv und vor allem wertschätzend und zielführend angesprochen hat.

Wow, sind wir klug... und so beherrscht

Die Hauptstrategie der heutigen Zeit scheint zu sein, alles Unangenehme wegzurationalisieren. Auch die Wut. Da finden wir im Hirn logische Erklärungen und gute Argumente, warum wir etwas doch nicht oder anders tun, obwohl unser Inneres fast zerspringt. "Frontlappen polieren" nennt das mein Kollege gern, und ich liebe diesen Ausdruck.

Unser Ego fühlt sich dadurch besser, weil klüger. Aber für unsere Gefühlswelt ist es ein weiterer Tritt in den Allerwertesten. Wieder erklären wir unseren innersten Bedürfnissen, dass sie keine Berechtigung haben. Mit dem Endeffekt, dass sich weitere Wut und Frustration aufstaut und sich irgendwann den Weg über den Körper hinaus bahnt. Wir haben halt anscheinend lieber Rückenbeschwerden, Kopfschmerzen und Migräne, Magengeschwüre, Bandscheibenvorfälle... Nur nicht in Erwägung ziehen, Konflikte und Wut ehrlich und konstruktiv anzugehen. Der oft und gern zitierte Friedens- und Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi wusste um die wertvolle Kraft der Wut, die wir so gern negieren, weil sie uns Angst macht:

«Wut ist für einen Menschen wie Benzin für ein Auto - sie treibt einen an, damit man weiterkommt, an einen besseren Ort. Ohne sie hätte man keinerlei Motivation, sich einem Problem zu stellen. Wut ist die Energie, die uns zwingt, zu definieren, was gerecht ist und was nicht.»
Ein Zitat von Mahatma Gandhi aus dem Buch "Wut ist ein Geschenk" von seinem Enkel Arun Gandhi

Wut unterdrücken, bis es knallt

Wohin führt diese gesellschaftlich akzeptierte und weit verbreitete Aggressionshemmung eigentlich? Die Psychologie sagt: in Frustration, Resignation, Depression, Suizid oder Amoklauf. Sehr sinnvoll.

Ohne eine studierte Psychiaterin, eine Politikwissenschaftlerin oder Historikerin zu sein, wage ich jetzt forsch, eine These in den Raum zu stellen: Ist unsere über die Generationen erlernte Konfliktunfähigkeit und Aggressionshemmung mit der Grund für die ansteigende Zahl an Depressionen, Angststörungen, Medikamenten- und Drogensüchtigen, Suizidraten, Amokläufen und Terroraktionen. Vielleicht sollten wir wieder lernen, unsere Wut ernst zu nehmen statt wegreden zu wollen, weil wir so entwickelt sind, dass wir angeblich keine Wut mehr in unserem Leben brauchen. Vielleicht sollten wir unserer Wahrheit ehrlich begegnen und unsere Wut wieder zu unserer Freundin und Verbündeten machen, die uns lediglich zeigen will, wann und wo jemand unsere Würde und unsere Grenzen überschreitet. Vielleicht könnten wir auch lernen, mit gutem Beispiel voranzugehen und die Welt damit ein bisschen ehrlicher und wieder glücklicher zu machen. 

 


 

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