Tabu ‚Psychische Krise’: Betrifft mich nicht, oder doch?

Offen gesprochen: Über die Angst, nicht normal zu sein
Fakt ist: Jede zweite bis dritte Person durchlebt im Laufe ihres Lebens eine psychische Störung. Allen voran stehen Angst, Panik und Depressionen. Fakt ist auch: Frauen sind doppelt bis dreifach so häufig betroffen.

So eine EU-weite Studie, die auch die Schweiz, Island und Norwegen inkludiert (vgl. Obsan Bericht 72, 2016).

Woran erkenne ich eine psychische Krise und was macht sie mit mir? Bin ich deshalb schon als "verrückt" einzustufen?

Wir sprechen von einer psychischen Störung, wenn das menschliche Erleben und Verhalten in seiner alltäglichen Funktionsfähigkeit beeinträchtigt ist. Das kann sich auf emotionaler, kognitiver oder körperlicher Ebene zeigen und schränkt das subjektive Freiheitsgefühl und die persönliche Lebensqualität erheblich ein.

Das Machtspiel mit der Normalität

Hinzu kommt der gesellschaftliche Stempel, psychisch nicht normal zu sein. Das Prädikat ‚normal’ ist ein machtvolles Instrument. Es bringt Menschen dazu, sich anzupassen, weil sie dazu gehören und als wertvolles Mitglied der Gemeinschaft gelten wollen. Selbst auf Kosten der eigenen psychischen und physischen Gesundheit.

Wobei sich mir die durchaus provokante Frage aufdrängt: Wenn jede/r Zweite irgendwann in seinem bzw. ihrem Leben eine psychische Störung durchlebt, sind dann nicht die, die keine psychische Störung aufweisen können, die „Abnormalen“, die nicht mitreden können, weil sie es nie erlebt haben?

Die Angst, nicht ‚normal’ zu sein, belastet den Betroffenen zusätzlich zu seinen Symptomen. Er oder sie muss täuschen und tarnen, wie es ihm bzw. ihr gerade geht, um sich nicht ‚outen’ zu müssen. Ein unfassbar anstrengendes Unterfangen, das im Alltag enormen Kraftaufwand bedeutet.

Intellektualisieren, Verleugnen, Abwerten und Projezieren: die gängigsten Abwehrstrategien, wenn ein Problem lästig ist

Besonders hilfreich sind hier die gängigen Small-Talk-Aussagen wie ‚Burnout gibt es ja gar nicht, das ist ja nur eine Erfindung der Arbeitsfaulen’ oder ‚Depression ist eine Modekrankheit’. Wer sich ernsthaft mit der Thematik auseinandergesetzt hat, Betroffenen ehrlich begegnet ist und vielleicht selbst zu den 30-50 Prozent der Betroffenen gehört hat, weiß: Psychische Störungen sind ein Kampf mit sich selbst. Erst will man nicht wahrhaben, was mit einem geschieht, ignoriert die ersten Anzeichen. Man spielt darüber hinweg, bis die Kraft weniger und weniger wird. Man verzweifelt, weiß nicht, an wen man sich wenden soll. Was man zu sagen hätte, wäre zu peinlich. Es fühlt sich an wie ein Versagenseingeständnis in einer Leistungsgesellschaft, wo menschliche Ängste, Erschöpfung und das Gefühl des Überfordertseins lästige Störfaktoren sind.

 

«Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt.»
Hermann Hesse

 

happy pills & downer: Problemlösung mit Zauberstab und Feenstaub

Wenn Ablenkung und Verleugnung nicht mehr funktionieren, ist die nächste Verhaltensstrategie meist der Griff zur Tablette. Medikamente machen ruhig, lassen Ängste und böse Gedanken verschwinden, putschen auf, machen fröhlich und agil, fast beschwingt. Drogen im übrigen auch.

Was wir nicht spüren wollen, wird auf Knopfdruck weggemacht. So einfach ist das. Wir putschen uns mit sogenannten ‚uppers’ auf, um unsere Leistung zu bringen. Und wenn wir dann nicht schlafen können, brauchen wir ‚downer’, um wieder entspannen zu können.

Kokain und Beruhigungs- bzw. Schlafmittel gehören mittlerweile zum Alltag. Es ist ja auch scheinbar leichter, die Angst auf Fingerschnipp mit ‚happy pills’ verschwinden zu lassen, als den Mut aufzubringen, ihr zu begegnen und sie zu überwinden. Aber nur scheinbar. Denn diese ‚einfache Lösung’ macht abhängig und potenziert somit das ursprüngliche Problem. Die Symptome werden stärker statt schwächer. Der Teufelskreis nimmt seinen Lauf.

Sind wir wirklich so oberflächlich?

Das eigentlich Bestürzende ist, dass die heutige Leistungsgesellschaft lieber die Einnahme von Drogen und Psychopharmaka legalisiert als die ehrliche Auseinandersetzung mit Problemen und Ängsten. Um der Angst nicht begegnen zu müssen, wird sie tabuisiert: ‚Ich? Nein, ich habe keine Angst, vor gar nichts.’ Dabei ist Angst etwas vollkommen Natürliches, Menschliches, sogar Überlebensnotwendiges.  Sie zeigt uns, wo es für unsere Psyche oder unseren Körper gefährlich wird.

Es ist nicht die Angst, die uns schwach aussehen lässt. Es ist die Art, wie wir mit ihr umgehen. Und sie zu verleugnen, ist alles andere als ein souveräner Umgang. Ihr zu begegnen, sie schrittweise zu überwinden, das beweist Mut und Stärke. Und ich ziehe meinen Hut vor jedem Menschen, der seine Ängste in Angriff nimmt und sich dafür professionelle Unterstützung gönnt. Denn es ist alles andere als ein Spaziergang, und allein ist es schwerer als in Begleitung. Aber das Ziel ist den Weg wert. Indem wir unsere Ängste meistern, reifen wir an innerer Stärke.

 

 

 


 

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